Die engsten Vertrauensleute der Kriegsverbrecher-Konzerne aus dem faschistischen Staats- und Wirtschaftsapparat übernahmen hohe Regierungsfunktionen im Bonner Staat.
heute:
Präsident der Bundesrepublik.
Jahrelang konnte sich Dr. Heinrich Lübke der westdeutschen Bevölkerung als Verfolgter des Naziregimes präsentieren, bis im Jahre 1965 von der DDR an Hand von Originaldokumenten der ehemaligen Gestapo-Leitstelle Stettin vor der internationalen Presse nachgewiesen werden konnte: Heinrich Lübke war zumindest seit 1940 Vertrauensmann der Gestapo. Als Stellvertreter des Leiters der „Baugruppe Schlempp“ - zu Kriegsbeginn ein Rüstungsbaustab des „Generalbauinspekteurs für die Reichshauptstadt“, später des NS-Rüstungsministers Speer innerhalb des sogenannten Jägerstabes - war Lübke an der Errichtung eines „Sonderlagers der Geheimen Staatspolizei Peenemünde“ beteiligt. Er drohte, arbeitsunwillige Belegschaftsmitglieder dorthin einzuweisen. Die Gestapo-Leitstelle notierte dazu, „daß in der weiteren Bearbeitung des Vorganges besonders… auf Lübke zurückgegriffen werden kann“. (Siehe Tafel 10)
1934 wurde Lübke auf Grund eines faschistischen Gesetzes über die Gewährung von Straffreiheit erstmals Nutznießer des Hitlerregimes. Eine Strafkammer beim Landgericht Berlin beschloß, ein Strafverfahren gegen Lübke und Komplicen wegen „Veruntreuung, Urkundenbeseitigung und anderen groben Unredlichkeiten“ einzustellen. Dabei wurde jedoch ausdrücklich betont, daß „das Verfahren weder ihre Unschuld ergeben noch dargetan hat, daß gegen sie ein begründeter Verdacht nicht vorliegt.“ (Siehe Tafel 11, Mecklenburgisches Landeshauptarchiv, Bestand: Mecklenburgisches Staatsministerium, Siedlungsgesellschaft Bauernland AG, S. 47)
Seit dieser Zeit gehört Lübke zu denen, die den Faschismus bis zur bedingungslosen Kapitulation ebenso bedingungslos unterstützten.
Als Organisator geheimster und kriegswichtigster Rüstungsvorhaben der faschistischen Führung war Lübke maßgeblich am massenweisen Einsatz von KZ-Häftlingen beteiligt. Er arbeitete als stellvertretender Leiter der „Baugruppe Schlempp“ beim Aufbau der Produktionsstätten der berüchtigten V-Waffen. Im Raum von Peenemünde leitete er 40 Baustellen persönlich!
1944 wurde Lübke der Aufbau der Außenlager Leau und Neu-Staßfurth des Konzentrationslagers Buchenwald, eine besonders wichtige und äußerst geheime Aufgabe, übertragen. Um den verheerenden Verlusten der faschistischen Luftwaffe zu begegnen, war im Frühjahr 1944 ein sogenannter Jägerstab gebildet worden. Der „Jägerstab“ erhielt von Kriegsverbrecher Speer die Aufgabe, die Rüstungsbetriebe der Flugzeugindustrie aus den bombengeschädigten oder gefährdeten Betrieben in unterirdische Produktionsstätten zu verlagern und die Produktion mit allen Mitteln auf Hochtouren zu bringen. Ihm wurde auch die „Baugruppe Schlempp“ mit ihrem stellvertretenden Leiter Lübke zugeteilt.
Hierzu forderte Lübke als oberster Bauführer dieser Baugruppe 2000 KZ-Häftlinge aus dem KZ Buchenwald an, die in Peißen bei Bernburg schwerste Betonierungs- und Transportarbeiten unter Tage in zwei Schichten zu je 12 Stunden ausführen mußten. Die ersten Häftlinge wurden Ende August 1944 in Zelten untergebracht. Die katastrophalen Verhältnisse begünstigten eine Ruhrepidemie. Viele Häftlinge starben. Für die weiteren Häftlinge wurde ein Konzentrationslager in 400 Meter Tiefe angelegt. Hier siechten 500 Menschen unter grausamen Bedingungen dahin. Anläßlich einer Besprechung auf dem Gelände des KZ Leau, Anfang September 1944, die Lübke leitete, wurde mit Genugtuung festgestellt, daß „die Arbeiten nunmehr auf breitester Front sichtbare Fortschritte machen“. (Siehe Tafel 12, Archiv des VEB Kaliwerk Bernburg, Bestand: Kali-Werk Friedenshall) Die in dem Dokument über diese Besprechung genannte Firma ATG Leipzig gehörte dem Kriegsverbrecher Flick.
Die vorliegenden Dokumente, deren Echtheit von dem amerikanischen Sachverständigen Howard Hearing überprüft wurde, beweisen eindeutig: Lübke plante und leitete den Bau von Konzentrationslagern. Es gehörte zu seinen Aufgaben, das Jägerprogramm durch Sklavenarbeit von KZ-Häftlingen, Kriegsgefangenen und Zwangsverschleppten zu verwirklichen. Lübke war mitverantwortlich für die mörderischen Arbeits- und Lebensbedingungen, denen Hunderte Polen, Franzosen, Italiener, Sowjetbürger und Deutsche zum Opfer fielen. Bisher sind aus Listen des KZ Buchenwald die Namen von 267 ermordeten politischen Häftlingen bekannt, für deren Tod Lübke in hohem Maße verantwortlich ist. (Vgl. Tafel 13)
heute:
Bundesminister a. D. und ehemaliger Leiter des Bundeskanzleramtes. In dieser Schlüsselposition wirkte er in der Regierung Erhard als Nachfolger des in der Deutschen Demokratischen Republik zu lebenslangem Zuchthaus verurteilten Judenmörders Dr. Globke bis September 1966. Er benutzte die Krise der Bonner Regierung, um noch vor dem Rücktritt Erhards als Bundesminister und Leiter des Bundeskanzleramtes auszuscheiden, und übernahm den Vorsitz des Aufsichtsrates der Honeywell GmbH, der Tochtergesellschaft eines amerikanischen Meß- und Reglertechnik-Konzerns.
Kurz vor dem Machtantritt des Faschismus war Dr. Ludger Westrick für einen der größten Förderer des Faschismus, den nachmaligen Kriegsverbrecher Krupp, als Verkaufsleiter des Vereinigten Stahlwerke-Konzerns in Südosteuropa tätig.
Nach 1933 wurde Westrick Generaldirektor der Vereinigten Aluminiumwerke AG Berlin (VAW), die zur Vereinigten Industriewerke AG (VIAG) gehörte, und übernahm damit die Leitung einer für die faschistische Aufrüstung, vor allem für die Luftwaffe, außerordentlich wichtigen Industrie. In der Folgezeit hat sich Westrick durch nicht weniger als 27 Vorstands- bzw. Aufsichtsratsposten, unter anderem bei der Vereinigte Industriewerke AG, Berlin, Reichskreditgesellschaft AG, Berlin, und Vereinigte Deutsche Metallwerke AG, Frankfurt a. M., bei der erst geheimen, später offenen Kriegsvorbereitung besonders hervorgetan. Für diese „Verdienste“ wurde Westrick von Hitler zum Wehrwirtschaftsführer ernannt und kam als Mitglied in den zehnköpfigen Industrierat für die Entwicklung von Luftwaffengerät, der Göring unterstand.
Im November 1941 schreibt Westrick voll Pathos in der Zeitung „Der Deutsche Volkswirt“: „Solange noch die Kriegsfanfaren dröhnen, hat die deutsche Leichtmetallindustrie nur eine Aufgabe und ein Ziel, worauf alle Maßnahmen ausgerichtet sind und sein müssen: Deutschlands Endsieg!“
Kurz darauf nahm Westrick an einer Besprechung beim Stellvertreter Görings, Generalfeldmarschall Milch, teil, wobei es um die Aufteilung der europäischen Interessengebiete auf die einzelnen Aluminium-Interessenten ging. In den Jahren 1941/42 forderte er in Verhandlungen mit Bevollmächtigten Frankreichs und Ungarns, die Rohstoffvorkommen völlig den Interessen des deutschen Imperialismus unterzuordnen. Brutalster Behandlung waren die ausländischen Zwangsarbeiter und Kriegsgefangenen in dem von Westrick geleiteten VAW-Konzern ausgesetzt. Ihr Anteil machte im Verlauf des Krieges über 75 Prozent der Gesamtstärke der Belegschaft aller VAW-Werke aus. Wie aus einem Schreiben des Lagerarztes des Lautawerkes der VAW vom 28. August 1942 hervorgeht, wurden dort ausländische Kinder im Alter von 13 Jahren und ausländische Frauen von 60 bis 62 Jahren zur Zwangsarbeit gepreßt. Sie litten an chronischen Krankheiten und vegetierten unter unmenschlichsten Arbeitsund Lebensbedingungen.
Diesem Terror fielen unzählige Menschen zum Opfer. Wie aus dem Sterberegister des Standesamtes Lauta hervorgeht, wurden dort Hunderte Sterbefälle beurkundet. Als Todesursache ist neben der zynischen Formulierung „allgemeine Körperschwäche“ Selbstmord infolge Überfahrenlassens durch die Werkeisenbahn, „Schädelbruch“, Tuberkulose und andere Infektions- und Mangelkrankheiten verzeichnet. Bei einem französischen Zwangsarbeiter ist als Todesursache „wegen Widerstand von einem Gendarmeriebeamten erschossen“ vermerkt. In den Totenlisten sind Menschen aus fast allen europäischen Nationen aufgeführt. (Siehe Tafel 14, Totenlisten des Standesamtes der Stadt Lauta) Bei dem Lautawerk handelt es sich nur um ein Werk unter vielen anderen Aluminium-Werken, die Westrick verantwortlich unterstanden.
Nach 1945 wurde Kriegsverbrecher Westrick gleich wieder als Wirtschaftskapitän von den Monopolen verwendet. Bereits 1951 lancierten die Rüstungskonzerne ihn auf den Posten des Staatssekretärs im Bundeswirtschaftsministerium. 1963 trat Westrick die Nachfolge Globkes im Bundeskanzleramt an. Seit September 1966 ist er wieder in der westdeutschen Wirtschaft tätig.
heute:
Präsident der Deutschen Bundesbank.
Karl Blessing gehörte vor 1945 zum berüchtigten „Freundeskreis“ Himmlers und wurde von Hitler zum Wehrwirtschaftsführer ernannt. 1933 bei der Deutschen Reichsbank tätig, ging er 1934 als Generalreferent in das faschistische Reichswirtschaftsministerium. 1937 wurde er Mitglied des Reichsbankdirektoriums und später Mitglied des engeren Beirats der Deutschen Reichsbank. In dieser Vertrauensstellung war Blessing maßgeblich an der Finanzierung, Vorbereitung und Durchführung der Aufrüstung und Kriegsvorbereitung beteiligt.
Unter seiner Mitwirkung gründete Schacht als Reichsbankpräsident bereits im Mai 1933 in Berlin - mit Beteiligung der Reichsbank mit den Rüstungskonzernen Krupp, Siemens, Rheinmetall und Deutsche Werke die Metallurgische Forschungs-GmbH (Mefo). Sie war eine Scheinfirma, die eine weitgehende Tarnung der damals noch geheimen Aufrüstung ermöglichte.
Durch die exponierte Stellung hatte Blessing damals engste Bindung zur IG-Farben-Industrie AG. Die IG-Farben charakterisierten Blessing in einem Schreiben an eine südafrikanische Firma „als eine der führenden Persönlichkeiten im Reichswirtschaftsministerium und einen der engsten Mitarbeiter von Schacht“ und wiesen damit auf die bedeutende Rolle Blessings im Nazi-Staat hin.
Blessing wurde ständig zu Beratungen führender Gremien der Faschisten hinzugezogen, so auch zu der Besprechung Görings über die „Rückgliederung Österreichs“ am 11. März 1938. Auf der Tagesordnung dieser Besprechung, an der Blessing in seiner Eigenschaft als Generalreferent für Angelegenheiten des Landes Österreich im Reichsbankdirektorium teilnahm, stand unter anderm die Arisierungspolitik in Österreich. In einer weiteren Sitzung, von Göring als die wichtigste im Rahmen des Vierjahresplanes eingeschätzt, referierte Blessing zu Fragen der Mineralölversorgung im „A-Falle“. Im Dezember 1939 fand beim Oberkommando der Wehrmacht unter Leitung von General Thomas eine Beratung über Rüstungsfragen statt. Hier sprach Blessing in der Diskussion zu Fragen des Verkehrsproblems und zur Rohstoffbeschaffung und brüstete sich damit, an der Einrichtung eines Überwachungssystems selbst beteiligt zu sein.
Im Januar 1944 beauftragte der Leiter des Planungsamtes des Generalbevollmächtigten für Rüstungsaufgaben die Dresdner Bank mit „… der laufenden Beobachtung und Prüfung der wirtschaftlichen Verhältnisse in Schweden; der Erkundung über die spezielle handelspolitische Lage; der Unterrichtung über ausländische Persönlichkeiten“ und anderes mehr. Der Beauftragte weist dann die Dresdner Bank an: „Die laufende Fühlungnahme mit Ihnen und die Zusammenarbeit im einzelnen erfolgt über Herrn Direktor Karl Blessing, Continentale Oel AG, der die Koordinierung und Auswertung der Vorschläge und Berichte der einzelnen Mitarbeiter in meinem Auftrage übernommen hat.“ (NG, Fall XI, Akte Nr. 422, Dok. NI2031)
Blessing beteiligte sich aber nicht nur aktiv an der Versklavung und Ausplünderung der okkupierten Länder, sondern er half auch bei der Vorbereitung von geplanten Aggressionen auf neutrale Länder.
Nach Kriegsende wurde Blessing - für kurze Zeit interniert - von den westdeutschen Monopolen mit offenen Armen empfangen und bereits 1957 auf den Posten des Bundesbankpräsidenten lanciert.
heute:
Bonner Staatssekretär a. D. im Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit, zuvor Ministerialdirektor im Bundeskanzleramt und Berater Adenauers in Wirtschafts- und Finanzfragen. Mit der Bildung der Großen Koalition am 1. Dezember 1966 „in Ehren“ aus der Regierung ausgeschieden.
Karl Friedrich Vialon begann seine Karriere bei der faschistischen Justiz. Zuletzt war er Landgerichtsrat beim Oberlandesgericht in Karlsruhe. Dann wechselte er zum Reichsfinanzministerium über. Zu Anfang des zweiten Weltkrieges half er als Oberregierungsrat mit, das okkupierte Elsaß auszuplündern. Nach dieser „Bewährung“ wurde er Regierungsdirektor und Leiter der Finanzabteilung des Reichskommissariats für das Ostland in Riga. Hier hat Vialon unverwischbare Spuren hinterlassen, die ihn schwerster Verbrechen überführen.
In seinem Wirkungsbereich, den estnischen, lettischen, litauischen und bjelorussischen Gebieten, wurde die sogenannte Endlösung unter führender Beteiligung Vialons am perfektesten durchgeführt. Es gelang kaum einem der jüdischen Bürger, mit dem Leben davonzukommen. Nach Angaben im „Einsatzgruppen-Prozeß“ 1947/48 in Nürnberg wurden allein im estnischen, lettischen und litauischen Raum 118430 jüdische Menschen ermordet. Dazu kommen annähernd eine halbe Million Opfer aus den bjelorussischen Gebieten. Vialon besorgte die Ausplünderung dieser Unglücklichen. Er sammelte das Vermögen und die Habe der Ermordeten und machte sie dem faschistischen Regime für die Durchführung neuer Mordtaten nutzbar.
Am 16. März 1943 wies Vialon in einem Geheimerlaß - er betraf die „Ablieferung der durch die Polizei beschlagnahmten jüdischen Vermögenswerte“ - den Generalkommissar in Minsk an, „daß die Zahlstellen des Befehlshabers der Sicherheitspolizei und des SD“ die beschlagnahmten Wertgegenstände und Gelder an die Amtskassen der Generalkommissare abzuführen haben. Schon am 2. Mai 1943 rügte Vialon den Befehlshaber der Sicherheitspolizei und des Sicherheitsdienstes Ostland dafür, daß „die in Aussicht gestellte Ablieferung beschlagnahmter Vermögenswerte in Höhe von über einer Million Reichsmark … noch nicht eingegangen sei“. Er verlangte zu wissen, wann mit der Ablieferung „an meine Hauptkasse gerechnet werden kann“. (Zentralarchiv der Lettischen SSR, Riga, Bestand: Reichskommissariat für das Ostland - siehe auch Tafel 15)
Vialon organisierte nicht nur den Raub jüdischen Vermögens, er war auch an der „Endlösung der Judenfrage“ beteiligt. Am 31. Juli 1943 ordnete er an: „Die Leitung dieses zu errichtenden Konzentrationslagers soll nach meinem Wunsch vom Generalkommissar Riga übernommen werden… Der finanzielle Ertrag soll, wie bisher, meinem Haushalt zufließen.“ (Siehe Tafel 16)
Im April 1942 bewilligte er, um den Widerstand der lettischen, estnischen und bjelorussischen Bevölkerung gegen die faschistische Zwangsherrschaft zu brechen und neue Arbeitssklaven zusammenzutreiben, dem „Befehlshaber der Sicherheitspolizei und des Sicherheitsdienstes Ostland“ nicht weniger als 25000 RM für die sogenannte Bandenbekämpfung. Der „Befehlshaber“ hatte diese Summe bei Vialon für die „zusätzliche Betreuung der zur Bandenbekämpfung eingesetzten… Hilfskräfte“ beantragt. Diese Terroraktionen gegen die Partisanen, die für die Befreiung ihrer Heimat kämpften, bedeuteten: Aussiedlung, Evakuierung der Bewohner zur Zwangsarbeit, Abbrennen von Dörfern, öffentliche Exekutionen. Vialon wußte nicht nur von der Ermordung sowjetischer Partisanen, er organisierte sie als Leiter der Finanzabteilung mit seinen Haushaltsmitteln.
1963 leistete Vialon wider besseres Wissen einen Meineid, als er in einem Strafverfahren gegen den SS-Massenmörder Hausser aussagte: „Ich verneine ausdrücklich die Frage nach meinem Wissen von Judenvernichtungsaktionen.“
Trotz neuen Belastungsmaterials und der bereits vor Jahren veröffentlichten Dokumente wurde Vialon nicht zur Verantwortung gezogen.
heute:
Staatssekretär für Sonderaufgaben im Bundesfinanzministerium und Mitglied der Hohen Behörde der Montanunion.
Prof. Dr. Karl-Maria Hettlage avancierte 1934 zum Stadtkämmerer von Berlin. In den folgenden Jahren setzte er seinen ganzen Ehrgeiz daran, die faschistische Aufrüstung durch rigorose Eintreibung von Steuern zu forcieren. Im August 1935 gab er die Weisung, „daß die Steuergesetze nach nationalsozialistischer Weltanschauung auszulegen sind“. Vorher hatte er erklärt: „Die Sicherheit der Nation auf die Wehrkraft neu zu gründen, ist das Werk des Führers und Ziel unser aller Bemühungen.“ In dieser Zeit wurde Hettlage SS-Hauptsturmführer (SS-Nr. 276909) und enger Mitarbeiter des vom Nürnberger Militärtribunal verurteilten Kriegsverbrechers Speer. Dieser holte Hettlage später in sein Ministerium für Rüstung und Kriegsproduktion.
In einer eidesstattlichen Erklärung vor dem Nürnberger Militärtribunal nannte der später hingerichtete SS-Obergruppenführer und Leiter des SS-Wirtschaftsverwaltungshauptamtes, Pohl, auf die Frage, mit welchen Personen er im Laufe seiner Amtstätigkeit persönliche Berührung hatte, auch den Namen Hettlage und stellte fest: „Dr. Hettlage von der Commerzbank war der Finanzmann von Speer.“
Das entsprach den Tatsachen; denn Hettlage wurde auf Vorschlag des Kriegsverbrechers Speer Aufsichtsratsvorsitzender der Montanindustrie GmbH. Am 31. März 1942 betreute dieses Mammutunternehmen 52 Firmen mit 122 Werken, rund drei Milliarden RM treuhänderisch verwaltetem - also geraubtem -Anlagevermögen und einer Belegschaftsstärke von 178970 Arbeitern, Angestellten, Kriegsgefangenen und Zwangsarbeitern. Zu den Mitgliedern des Aufsichtsrates zählte auch der Kriegsverbrecher Flick.
Im Mai 1943 fand im Auswärtigen Amt eine Besprechung über deutschschweizerische Wirtschaftsverhandlungen statt. Im Verlauf dieser Besprechung erklärte Hettlage, „daß die Auftragsverlagerung nach der Schweiz einen zu kleinen Prozentsatz des deutschen Gesamtrüstungsumfanges ausmacht, als daß zu ihrer Erzwingung Druckmittel angewandt werden sollten, die zu Schwierigkeiten mit Italien führen könnten… Unter diesen Umständen erscheine es zweckmäßig, als Druckmittel nötigenfalls zunächst die Sperre der schweizerischen Ausfuhr und sodann die Verhinderung der Einfuhr (Durchfuhr) ins Auge zufassen.“ (Deutsches Zentralarchiv Potsdam)
Im Herbst 1943 fand eine Sitzung des Interministeriellen Ausschusses für italienische Angelegenheiten statt, an der, neben dem Schreibtischmörder Globke, auch Hettlage teilnahm. In dieser Besprechung taten sich beide durch chauvinistische Reden hervor.
Im April 1944 gab Hettlage in Vertretung des Kriegsverbrechers Speer einen Erlaß über die Umsetzung von Betrieben und Betriebsstellen heraus, in dem es unter anderm heißt: „… habe ich die Stillegung von Fertigungen, die zur Fortsetzung des Krieges nicht zwingend benötigt werden, und die Umsetzung der dadurch freigewordenen Arbeitskräfte zu Gunsten vordringlicher Fertigungen angeordnet.“ (Ebenda)
Bis zur letzten Minute setzte sich Hettlage für die Fortführung und Unterstützung des totalen Krieges ein und propagierte den faschistischen „Endsieg“. Nachdem er 1945 in Westdeutschland kurz untergetaucht war, ließen ihn die Monopolvertreter 1956 wieder zum Ministerialdirektor aufsteigen. Wenig später vermittelte Hettlage seine Erfahrungen aus der Nazi-Zeit als Staatssekretär bei der Finanzierung der Aufrüstung.
Nachdem er wegen der Übernahme dieses Ressorts durch Minister Dahlgrün als Staatssekretär des Bundesfinanzministeriums für kurze Zeit pausieren mußte, holte ihn Franz-Josef Strauß mit Billigung der Koalitionsregierung im Herbst 1967 erneut als Staatssekretär für Sonderaufgaben in das Bundesfinanzministerium zurück.