Braunbuch

Diplomaten Ribbentrops im Auswärtigen Dienst Bonn

Die Stützen der aggressiven Bonner Außenpolitik

Entgegen der einmütigen Forderung der Völker und der Urteile von Nürnberg wurden die Nazi- und Kriegsverbrecher, zu denen die Diplomaten der Wilhelmstraße gehörten, in Westdeutschland nicht zur Verantwortung gezogen. Mehr noch - in dem Maße, in dem Imperialismus und Militarismus wiedererstarkten und ihre Politik darauf ausrichteten, die Ergebnisse des zweiten Weltkrieges rückgängig zu machen und einen neuen Angriffskrieg vorzubereiten, wurden die ehemaligen Nazi-Diplomaten wieder im Auswärtigen Dienst der Bundesrepublik verwendet. Sie übernahmen nach und nach die entscheidenden außenpolitischen Funktionen. So ist es zu dem gefährlichen und zugleich grotesken Zustand gekommen, daß ehemalige Nazi-Diplomaten als Vertreter der Bundesrepublik in solchen Ländern agieren, deren Eroberung, Unterdrückung und Ausplünderung sie einst mitplanten und verwirklichten.

In der Deutschen Demokratischen Republik wurde kein einziger Nazi-Diplomat in den Dienst des Ministeriums für Auswärtige Angelegenheiten der DDR aufgenommen. Diese Institution wird von konsequenten Antifaschisten und Demokraten geleitet. Mehrfach warnte die DDR vor der Wiederverwendung von Ribbentrop-Diplomaten im außenpolitischen Dienst der Bonner Regierung. Im März 1959 legte der Ausschuß für Deutsche Einheit Tatsachenmaterial über die faschistische Vergangenheit von über 80 führenden westdeutschen Diplomaten vor. Im September 1961 wies das Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten der DDR in der Dokumentation „Von Ribbentrop bis Adenauer“ die Wiederverwendung von über 180 Nazi-Diplomaten im Auswärtigen Dienst Bonns nach und belegte diese ungeheuerliche Tatsache mit einer Fülle dokumentarischen Materials.

520 NAZI-DIPLOMATEN IM AUSWÄRTIGEN AMT

Doch anstatt die Mitschuldigen an den Naziverbrechen aus dem Staatsdienst zu entfernen und gerecht zu bestrafen, wurden die Experten des Kriegsverbrechers Ribbentrop immer zielstrebiger in die entscheidenden Funktionen der Bonner außenpolitischen Institutionen geschoben. In dem bisher erschlossenen Archivgut befinden sich Unterlagen über die Tätigkeit von mehr als 520 ehemaligen Nazi-Diplomaten und anderer getreuer Beamten des faschistischen Staatsapparates, die wieder führende Positionen im Bonner Auswärtigen Amt innehaben. In den Spitzenfunktionen, als Abteilungs- oder Referatsleiter bzw. als deren Vertreter, sind mehr als 30 ehemalige Ribbentrop-Diplomaten oder andere führende Nazis tätig.

Einer der einflußreichsten Leute im Bonner Auswärtigen Amt ist der ehemalige SA-Rottenführer und heutige Staatssekretär Rolf Lahr. Lahr, seit April 1933 Mitglied der Nazi-Partei, spielte von 1934 bis Kriegsende als Regierungsrat im faschistischen Reichswirtschaftministerium (Abt. V, Referat 7, Italien, Türkei) eine unrühmliche Rolle bei der Ausbeutung solcher sogenannter verbündeter Staaten, wie Ungarn und Italien, für die NS-Kriegsproduktion. Zusammen mit der Handelspolitischen Abteilung des Ribbentrop-Amtes zwang er beispielsweise 1941/42 unter räuberischen Zahlungsbedingungen die Ungarische Regierung zu kriegswichtigen Bauxitlieferungen an das Nazi-Reich (Deutsches Zentralarchiv Potsdam, Bestand: Auswärtiges Amt, Nr. 67916). Später gehörte er zu dem Gremium von Nazi-Experten, die für den Fall der geplanten Unterwerfung und Kolonisierung der arabischen Staaten die wirtschaftliche Ausplünderung des Irak mit vorbereiteten. So erwarb Lahr jene „Erfahrungen“, die ihn heute zum Exponenten der neokolonialistischen „Entwicklungspolitik“ Bonns machen.

Zu ihnen gehört auch der bisherige Staatssekretär im Bundespräsidialamt und jetzige Botschafter in Rom, Dr. Hans Herwarth von Bittenfeld, Diplomat Ribbentrops bis 1941. Danach beteiligte er sich als Ausbilder und Aufsichtsoffizier der Wlassow-Armee an den Raubzügen in der Sowjetunion und den Greueltaten gegen sowjetische Armeeangehörige. Nach 1945 zunächst Regierungsdirektor in der Bayerischen Staatskanzlei, gehörte er ab 1950 als Ministerialdirigent im Bonner Auswärtigen Amt zu jenen Drahtziehern, die die Besetzung der leitenden Posten dieses Amtes mit Nazi-Diplomaten organisierten.

Unter den leitenden Diplomaten des Bonner Auswärtigen Amtes befindet sich z. B. von Mirbach, ursprünglich Sonderbotschafter bei Bundesaußenminister Schröder, inzwischen Botschafter in Indien. Er war der persönliche Referent des im Wilhelmstraßen-Prozeß verurteilten Staatssekretärs von Steengracht und ist für zahllose Verbrechen mitverantwortlich. Sein Vorgänger - als „Botschafter z.b.V.“ des Bundesministers - war Granow, unter Ribbentrop die rechte Hand des Gesandten von Grobba bei der Vorbereitung der Aggression gegen die arabischen Staaten und zeitweise auch Generalsekretär der Informationsstelle XIV. („Antijüdische Aktion“). 1964 ging er in den Ruhestand.

GESTAPO-MITARBEITER LEITEN DIE OSTABTEILUNG

Franz Krapf, der ehemalige Leiter der Ostabteilung des Bonner Auswärtigen Amtes und jetzige Botschafter in Tokio, gehörte zu den Ribbentrop-Diplomaten, die besonders eng mit dem SD zusammenarbeiteten. Er war SS-Untersturmführer. In einem Aktenvermerk eines SD-Beauftragten über den Ausbau der sogenannten Reichsbahnwerbezentrale und deren „Niederlassung“ in Japan - eine Tarnbezeichnung für die Zentrale des SD zur Spionage und zur Durchführung von „Sonderaufgaben“ in Japan - heißt es über Krapf:

„Der Unterzeichnete wurde am 24.3.1941 zu einer Besprechung zwischen SS-Stubaf. Finke, SS-O’Stuf. Winter, Leiter der Reichsbahnwerbezentrale, und Dr. Jörn Leo, Leiter der Niederlassung der Reichsbahnwerbezentrale Tokyo, hinzugezogen… Es ist beabsichtigt, daß Dr. Leo mit der Zusammenfassung des Nachrichtennetzes in Japan beauftragt wird… Mit folgenden Personen wird Dr. Leo in Verbindung treten: SS-Untersturmführer Franz Krapf, Attaché an der Deutschen Botschaft in Japan. K. wurde als ehrenamtlicher Mitarbeiter der ehemaligen Zentralabteilung III/1 seinerzeit SS-Stubaf. von Vietinghoff-Scheel namhaft gemacht, bisher jedoch nicht zur Mitarbeit herangezogen. Da sich beim hiesigen Referat keine Personalakten befanden, wurde der Referent VI C 3 erst jetzt auf ihn aufmerksam. Krapf wird von hier aus brieflich über die Kurierpost verständigt werden.“

Zu den Diplomaten, die die „Versetzung“ Krapfs nach Tokio in die Wege leiteten, gehörte der damalige Legationssekretär und Verantwortliche für die nazistische Ostasienpropaganda in der Presseabteilung des Auswärtigen Amtes (P VIII), Hilmar Basier. Er schrieb am 27. April 1940 an Krapf: „Sehr verehrter, lieber Herr Krapf! In zwei Zeilen will ich Ihnen nur mitteilen, daß unser Plan mit Ihnen nach Tokio geglückt zu sein scheint. Mir wurde es gestern telefonisch von Kempe, zunächst privat, als Absicht der Personalabteilung mitgeteilt. Meinen allerherzlichsten Glückwunsch! Lassen Sie diese Angelegenheit aber unter uns bleiben! Botschafter Ott hat von mir Kenntnis erhalten. Heil Hitler Uhr gez. Baßler.“

Heute ist Baßler ebenfalls eine Schlüsselfigur in der Politischen Abteilung des Bonner Auswärtigen Amtes, und zwar als Leiter des Ostasienreferates. Vor 1945 gehörte er wie Krapf zum Kreis der Vertrauten des SD und des Amtes IV (Gestapo) im Reichssicherheitshauptamt. Mit zahlreichen Anfragen und Aufträgen wandte sich die Gestapo an ihn. Das geschah auch im Dezember 1940. Das Reichssicherheitshauptamt, Amt IV, B 4a, brauchte damals seine Meinung für Unternehmen in China. In anderen Fällen vermittelte Baßler den Kontakt zum Reichssicherheitshauptamt:

„Ref. P VIII                                                                                       Berlin, den 3. August 1943

Baßler

Notiz!

Wegen Frl. Lee kann zur Zeit kein Bescheid gegeben werden, da wegen der allgemeinen Luftschutzmaßnahmen Akten und Unterlagen irgendwo herumschwirren. Der Sachbearbeiter dafür ist Polizeihauptmann Kettenhofer im Reichssicherheitshauptamt, Berlin-Steglitz, Wrangelstraße 6/7. Es empfiehlt sich, daß Sie sich direkt an ihn, unter dem Stichwort ‚Schutzhaftsache Lee’ wenden. Hiermit Herrn von Studnitz.“

Baßler gehörte auch zu jenen Fanatikern, die den Überfall auf die UdSSR begeistert begrüßten. Selbst als sich die militärische Niederlage Hitlerdeutschlands bereits abzeichnete, faselte er noch von der „Entschlossenheit“, vom „Durchstehen“ usw. Am 9. Oktober 1941 schrieb er in einem Brief an den Grafen von Mirbach, den damaligen Presseattache an der Deutschen Botschaft in Japan:

„Ende dieser Woche werde ich eine Frontreise nach Rußland machen, worüber ich mich besonders freue. Hier in der Heimat haben unsere gewaltigen militärischen Erfolge besonders nachhaltig gewirkt, und ich kann nur sagen, daß die Geschlossenheit und Einheitlichkeit in der Auffassung über den weiteren Verlauf des Krieges wie die Gewißheit über den Endsieg noch nie so deutlich und klar wie gerade jetzt war.“

An seinen ehemaligen engsten Mitarbeiter Breuer, Botschaftsrat an der Bonner Botschaft in Madrid, der inzwischen - ebenfalls auf Betreiben Baßlers - als Mitarbeiter Mirbachs nach Tokio versetzt worden war, schrieb er am 25. November 1942:

„Die Stimmung ist bei uns absolut entschlossen. Jeder Mensch weiß, daß der Endkampf hart werden wird, daß wir ihn aber unbedingt durchstehen müssen, koste es, was es wolle. Die innere Situation Deutschlands wird von den Alliierten, besonders Amerikanern, völlig falsch beurteilt. Ein innerer Zusammenbruch ist ganz undenkbar.“ (Deutsches Zentralarchiv Potsdam, Bestand: Auswärtiges Amt, Nr. 58320)

In diesem Brief bestätigt Baßler an anderer Stelle, daß er genau wußte, was es mit der sogenannten „Reichsbahnwerbezentrale“ in Wirklichkeit auf sich hatte: „Die Filme habe ich selbst nicht gesehen, hoffe aber, daß sie Ihnen Freude bereiten werden. Einige sind von der Reichsbahnwerbezentrale.“ (Ebenda)

In einer weiteren Schlüsselfunktion der Politischen Abteilung des Bonner Auswärtigen Amtes, als Leiter des Referates „Naher Osten“, fungierte jahrelang einer jener Diplomaten, die zu den Experten auf dem Gebiet der Goebbels-Propaganda zählten - Hans Schirmer, inzwischen westdeutscher Botschafter in Australien. Schirmer begann seine Tätigkeit im Auswärtigen Amt im Jahre 1939. Er war dann bis Ende 1942 Vorgänger Kiesingers als stellvertretender Leiter der Rundfunkpolitischen Abteilung des Ribbentrop-Ministeriums und gehörte zu jenem Personenkreis, der die Propaganda- und Hetzaktionen der Nazi-Führung über den Rundfunk in alle Länder der Welt leitete und inszenierte. Schirmer fungierte dabei, wie später Kiesinger, als rechte Hand des SS-Oberführers Rühle beim Ausbau der Rundfunkpolitischen Abteilung zu einer Zentrale der ideologischen Diversion.

Mit dem Legationsrat I. Klasse, Dr. Bock, und dem Vortragenden Legationsrat I. Klasse, Krafft von Dellmensingen (Referat „Polen, CSSR, Jugoslawien, Ungarn“ usw.), gehören weitere ehemalige aktive Nazi-Diplomaten zu den führenden, die „Ostpolitik“ Westdeutschlands bestimmenden Kadern und zu den Vertrauten Krapfs.

Bereits am Beispiel dieser Abteilung wird deutlich, daß die ehemaligen Nazi-Diplomaten die bestimmende Kraft im Bonner Auswärtigen Amt darstellen. Selbst die früheren Beziehungen zwischen den einzelnen Beamten, vor allem der SS- und SD-Beauftragten im Ribbentrop-Amt, blieben teilweise unverändert.


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