Braunbuch

Diplomaten Ribbentrops im Auswärtigen Dienst Bonn

Revanchismus - offizielle Staatspolitik der Bundesrepublik

Der deutsche Imperialismus fand sich nach dem ersten Weltkrieg mit dem durch seine Schuld verkleinerten Deutschland nicht ab. Sein Ziel war die Wiederherstellung der Grenzen von 1914 und - von dieser Position ausgehend - die Eroberung der Weltherrschaft. Seine Forderung, die bestehenden Grenzen zu verändern, und sein Schrei nach Revanche für die Niederlage bildeten wesentliche Bestandteile der Vorbereitung des zweiten Weltkrieges.

Um das deutsche Volk und die deutschen Minderheiten in anderen Staaten revanchistisch zu beeinflussen und in die Wühlarbeit gegen die Nachbarvölker einzubeziehen, wurde ein System staatlicher, kultureller und wissenschaftlicher Einrichtungen geschaffen. Solche Institutionen waren unter andren der „Verein für das Deutschtum im Ausland“ (VDA), das „Deutsche Auslandinstitut“, Stuttgart, die „Deutsche Akademie“, München, sowie viele Dutzend Vereinigungen der „Heimattreuen“, wie die „Baltische Arbeitsgemeinschaft“, der „Sudetendeutsche Heimatbund“, die „Vereinigung der Heimattreuen Ost- und Westpreußen“ usw. Ihre Ziele bestanden ausschließlich darin, ständig den Gedanken an die „Ostmission“ Deutschlands wachzuhalten und die Notwendigkeit von Grenzveränderungen zu propagieren, um Millionen Deutsche für einen neuen Krieg reifzumachen. Die Nachbarvölker wurden systematisch als minderwertig diffamiert.

FÜHRER DER DEUTSCHEN MINDERHEITEN - UNTERDRÜCKER UND PEINIGER DER GASTVÖLKER

Nach der Errichtung der faschistischen Diktatur erlebten diese Vereinigungen und Gemeinschaften eine wahre Hochkonjunktur. Ihre Tätigkeit wurde zentralisiert und einheitlich auf die Vorbereitung eines Aggressionskrieges ausgerichtet. Gleichzeitig entstanden mit staatlicher Unterstützung neue Organisationen wie der extrem faschistische „Bund Deutscher Osten“, dessen damaliger „Reichsleiter“, Theodor Oberländer, nach 1945 „Vertriebenenminister“ in Westdeutschland wurde. Die Führer dieser Organisationen leiteten als aktive Mitglieder der Nazi-Partei die Wühltätigkeit gegen Deutschlands Nachbarvölker zur Vorbereitung des Aggressionskrieges. Nach dem Überfall waren sie Initiatoren und zuverlässige Werkzeuge der faschistischen Ausrottungspolitik.

Zahlreiche Angehörige der in den Nachbarstaaten Deutschlands lebenden deutschen Minderheiten wurden durch diese Organisationen zu staatsfeindlicher Tätigkeit gegen ihre Gastvölker ausgenutzt. Ihre Aufgabe war es, Spionage zu treiben, die Verteidigungsfähigkeit des Gastvolkes zu untergraben und Anlässe für einen militärischen Überfall durch Hitlerdeutschland zu provozieren. Sie stellten Listen „deutschfeindlich gesinnter“ Personen auf, teilten die Bevölkerung in „rassisch wertvolle“ und „rassisch minderwertige“ Teile und schufen damit eine Voraussetzung für die systematische Dezimierung und Ausrottung der Bevölkerung nach dem Überfall durch die faschistische Wehrmacht.

Dokumente des faschistischen Auswärtigen Amtes und der SS zeigen, wie die Angehörigen der „Deutschen Vereinigung“, einer faschistischen Organisation der deutschen Minderheit im polnischen Warthe-Gebiet, dazu benutzt wurden, durch Terrorakte einen Anlaß für den militärischen Überfall auf Polen zu schaffen. (Siehe Tafel 42, Deutsches Zentralarchiv Potsdam, Bestand: Auswärtiges Amt, Nr. 61150) Selbst vor der Zerstörung von Kirchen, Schulen und Schwesternheimen schreckten die Revanchisten nicht zurück. Der Führer der in den Dokumenten genannten „Deutschen Vereinigung“ war der SS-Oberführer und Henker Tausender Bürger von Bromberg (Bydgoszcz), Hans Kohnert. Er war langjähriger Sprecher der Landsmannschaft „Westpreußen“ und ist führender Revanchistenfunktionär in Westdeutschland.

Während der Besetzung der europäischen Länder durch das Hitlerregime spielten die faschistisch verhetzten Teile der deutschen Minderheiten die Rolle der Unterdrücker, Ausbeuter und Henker der Gastvölker.

IN DER DDR: FÜR REVANCHISMUS KEINE BASIS

Im Potsdamer Abkommen wurden neue Grenzen in Europa festgelegt und Aussiedlungsmaßnahmen getroffen. Das Ziel war, ein für allemal die imperialistische Wühlarbeit in den Nachbarländern Deutschlands auszuschalten, diese Länder für die ungeheuren Verluste im Kriege zu entschädigen und stabile Grenzen zu schaffen, die nie wieder als Zange des deutschen Imperialismus gegen andere Länder ausgenutzt werden können.

Große Teile der deutschen Minderheiten wurden nach Deutschland in die vier Besatzungszonen der Großmächte ausgesiedelt.

In der sowjetischen Besatzungszone Deutschlands wurde alles unternommen, um den von Hitler schmählich betrogenen Umsiedlern ihr schweres Los zu erleichtern, ihnen eine neue Existenz und eine gesicherte Perspektive zu geben Beispielsweise erhielten die ausgesiedelten Bauern Junkerland und gründeten mit Staatshilfe Neubauernhöfe. Ihnen wurde offen gesagt und geduldig erklärt, wer am Verlust ihrer Heimat die Schuld trägt, daß der deutsche Imperialismus durch seine Kriegs- und Vernichtungspolitik die ehemaligen Ostgebiete für immer verspielt hat. Die Umsiedler fanden in der DDR eine neue Heimat und wurden gleichberechtigte Bürger des deutschen Friedensstaates. Hier gibt es keine revanchistischen Organisationen oder Zeitungen. Im Gegenteil: Die Regierung der DDR erkannte in offiziellen Verträgen die bestehenden Grenzen an. Zu den Nachbarvölkern im Osten und Südosten Europas wurden erstmals in der deutschen Geschichte dauerhafte freundschaftliche und friedliche Beziehungen hergestellt.

IN WESTDEUTSCHLAND: NEUE NAMEN - ALTE ZIELE

Der in Westdeutschland wiedererstandene deutsche Imperialismus dagegen drängt zum dritten Male in diesem Jahrhundert auf eine Veränderung der Grenzen. Die Bundesrepublik ist der einzige Staat in Europa, der Forderungen auf fremdes Staatsgebiet, auf die „Grenzen von 1937“ erhebt. Die in Westdeutschland lebenden Umsiedler werden mißbraucht, um diese revanchistische Politik propagieren und durchführen zu helfen.

Die westdeutsche Regierung hat es jahrelang bewußt unterlassen, die Umsiedler zügig und systematisch in das gesellschaftliche Leben einzugliedern und ihnen in der neuen Heimat einen festen Platz mit einer gesicherten Perspektive zu geben. Jahrelang lebten die Umsiedler in Barackenlagern und Notwohnungen. Auch heute, da sich die Masse der Umsiedler in Westdeutschland eingelebt hat, wird in ihnen unablässig die Illusion genährt, sie könnten eines Tages wieder in ihre ehemaligen Wohngebiete zurückkehren, die heute fremdes Staatsgebiet sind.

Von der westdeutschen Regierung gefördert, wurden nach 1945 die alten Revanchistenverbände erneut gebildet. Sie begannen sofort mit ihrer unheilvollen Tätigkeit. Weil sich die alten faschistischen Revanchistenorganisationen jedoch zu sehr kompromittiert hatten, wurden deren Namen geändert. So wurde aus der „Deutschen Akademie“ das „Goethe-Institut“, München, aus dem „Deutschen Auslandinstitut“ das „Institut für Auslandsbeziehungen“, Stuttgart, aus den Heimatbünden wurden „Landsmannschaften“, und aus dem faschistischen „Bund Deutscher Osten“ wurde der „Bund der Vertriebenen“. Zwei Dokumente aus dem Jahre 1938 und 1959 beweisen, daß sich die Ziele nicht geändert haben. (Siehe Tafel 43, „Das Deutschtum im Sudetenraum“, Gebietskarte des „Bundes Deutscher Osten“, Landesgruppe Schlesien, aus dem Jahre 1938, und „Sudetendeutscher Turnerbrief“)

127 ZENTRALE REVANCHISTENORGANISATIONEN

Die Umsiedlerorganisationen, die heute in Westdeutschland bestehen, gehören zu jenem System staatlicher und nichtstaatlicher Einrichtungen, das zur Verwirklichung der revanchistischen Politik aufgebaut wurde. Es soll alle ehemaligen Umsiedler und darüber hinaus möglichst die ganze westdeutsche Bevölkerung für die Politik der Grenzrevision, der „Rückeroberung“ verlorener Gebiete und für die Vorbereitung einer neuen Aggression gewinnen. Dieses System ist im wesentlichen nach folgenden Gesichtspunkten gegliedert:

1. Organisierung des Revanchismus durch Bundesregierung und Länderregierungen. Die wichtigsten staatlichen Behörden sind vor allem das „Bundesministerium für Vertriebene, Flüchtlinge und Kriegsgeschädigte“ (BMVt) mit dem „Bundesausgleichsamt“, dem „Beirat“ beim Minister und den sogenannten Flüchtlingslagern sowie das „Bundesministerium für Gesamtdeutsche Fragen“ (BMG) mit seinen ungezählten, oft getarnten Organisationen („Kuratorium unteilbares Deutschland“, „Forschungsbeirat“, usw.).

Die Abteilung I im BMG ist für die Durchsetzung und Förderung des Revanchismus besonders verantwortlich. Ihre Aufgaben lauten nach offizieller Darstellung: „Angelegenheiten der sowjetischen Besatzungszone Deutschlands und der deutschen Ostgebiete, Förderung des gesamtdeutschen Gedankens, Maßnahmen zur Wiederherstellung der Einheit Deutschlands (dabei ist die Einheit in den Grenzen von 1937 gemeint - d. Hrsg.)“. (Die Bundesrepublik, Teilausgabe Bund, Carl Heymanns Verlags KG, 1962/63, S. 266)

Im BMVt zeichnen die Referate I/3, II/2 und II/3 für folgende Aufgaben verantwortlich: „Referat I/3; Beiräte, Verbände, Organisationen. Referat II/2:… Fragen der Wiedervereinigung und der Integration. Referat IZ/3: Kulturelle Angelegenheiten (§ 96 BVFG), Ostkunde.“ (A. a. O., S. 264)

In den Vertretungen der Bundesländer in Bonn, wie auch in den Länderregierungen selbst, bestehen Dienststellen mit gleichen Arbeitsgebieten oder „Vertriebenenministerien“.

2. Organisierung nach den ehemaligen Wohngebieten der Umsiedler in über 30 Landsmannschaften mit ihren Gliederungen und Interessengemeinschaften.

3. Organisierung nach Berufs- und Fachgruppen, z. B. „Bauernverband der Vertriebenen e.V.“

4. Organisierung in Vereinen, die die theoretischen Grundlagen für die revanchistische Propaganda erarbeiten, z. B. „Nordostdeutscher Kulturrat e.V.“.

5. Organisierung nach religiösen und caritativen Gesichtspunkten, z. B. „Katholische Arbeitsstelle für Heimatvertriebene“.

6. Organisierung in Jugendorganisationen, z.B. „Deutsche Jugend des Ostens“ (DJO), „Aktion Katholischer Landsmannschaftlicher Jugend“ im „Bund der Katholischen Jugend“.

7. Organisierung in Gruppen und Arbeitskreisen der westdeutschen Parteien, z. B. „Union der Vertriebenen“ in der CDU/CSU, „Exil-CDU“.

8. Organisierung in extrem rechtsradikalen Verbänden halbfaschistischen Charakters, z. B. „Aktion Oder-Neiße (AKON), die gleichzeitig versucht, die Einheitsfront aller ultrarechten Kräfte in den verschiedenen „Vertriebenenorganisationen“ aufzubauen, und „Rat der Ostdeutschen Landesvertretungen“, der sich in seiner Wühlarbeit vor allem auf polnische und sowjetische Gebiete konzentriert.

9. In den westdeutschen Parlamenten gibt es mehrere Ausschüsse, die sich mit der Förderung des Revanchismus beschäftigen. Allein im Bundestag sind es fünf Ausschüsse, z. B. der „Bundestagsausschuß für gesamtdeutsche und Berliner Fragen“.

10. Um die revanchistische Tätigkeit der verschiedenen Organisationen zu koordinieren/wurden drei Dachorganisationen geschaffen:

a) „Bund der Vertriebenen - Vereinigte Landsmannschaften und Landesverbände“ (BdV);

b) „Gesamtverband der Sowjetzonenflüchtlinge“ mit den „Vereinigten Landsmannschaften Mitteldeutschlands“ (VLM);

c) „Arbeitsgemeinschaft der West- und Überseevertriebenen“.

Der BdV hat die Aufgabe, die revanchistischen Aktionen gegen die östlichen und südöstlichen Nachbarn Deutschlands auszuarbeiten und zu koordinieren. Ihm sind 20 Landsmannschaften angeschlossen. Er verfügt in allen Bundesländern und völkerrechtswidrig auch in dem besonderen Gebiet Westberlin über insgesamt 11 Landesverbände. Der „Gesamtverband der Sowjetzonenflüchtlinge“ und die VLM konzentrieren sich mit ihren angeschlossenen fünf Landsmannschaften auf die Wühlarbeit und Hetze gegen die DDR.

Gegenwärtig gibt es in Westdeutschland mindestens 127 zentrale Revanchistenorganisationen. Sie werden von der Bundesregierung unterstützt und gefördert und vertreten die territorialen Ansprüche des westdeutschen Imperialismus in verschiedenen Formen. In dieser Zahl sind die militaristischen, terroristischen und antisemitischen Organisationen sowie die neonazistischen Parteien nicht enthalten.

VOM STAAT FINANZIERT

Die Revanchistenorganisationen erhalten von der Bonner Regierung nicht nur jegliche ideelle und moralische, sondern auch großzügige finanzielle Hilfe. Der Gesamtetat des „Vertriebenenministeriums“ stieg von 30 Millionen DM im Jahre 1955 auf 244 Millionen DM im Jahre 1963. Im Haushaltsjahr 1964 erhöhten sich allein die Zuschüsse für „Intensivierung der kulturellen Breitenarbeit“ der Revanchistenorganisationen um 250000 DM gegenüber 1963.

Außerdem erhalten die Verbände von den Landesregierungen große Zuwendungen, wie das Beispiel des sozialdemokratisch regierten Bundeslandes Hessen zeigt. Dort wurden allein im Jahre 1964 für die „Heimatpolitik“ 2,8 Millionen DM zur Verfügung gestellt, die sich aus folgenden Positionen zusammensetzen:

„Im einzelnen stehen jetzt an Landesmitteln für die Förderung der Vertriebenenarbeit in Hessen folgende Summen zur Vertagung:

1150000 Mark für zusätzliche Betreuungsmaßnahmen,

275000 Mark zur Förderung von Veranstaltungen der landsmannschaftlichen Gruppen und zur Stärkung des gesamtdeutschen Bewußtseins,

370000 Mark für ostdeutsche Fragen innerhalb der Erwachsenenbildung,

460000 Mark für das ostkundliche Kolleg,

550000 Mark zur Förderung ost- und mitteldeutscher Patenschaften.“

(Das Ostpreußenblatt, Hamburg, 27. Juni 1964)


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