Braunbuch

Verstärkte Renazifizierung unter Kiesinger

Seit der Herausgabe des Braunbuches im Jahre 1965 sind neue Tatsachen und Dokumente über Exponenten des Nazi-Regimes in einflußreichen Positionen Westdeutschlands und Westberlins bekannt geworden. Zugleich ist der Prozeß der Konzentration ehemaliger nazistischer Führungskräfte in Staat und Wirtschaft der Bundesrepublik seit Bildung der großen Koalition unter Beteiligung sozialdemokratischer Minister und unter der Kanzlerschaft des schwerbelasteten Nazi-Propagandisten Kiesinger weiter vorangeschritten.

KIESINGER - EIN FÜHRENDER NAZI-PROPAGANDIST ALS BONNER REGIERUNGSCHEF

Es ist eines der sichtbarsten Symptome für die Konzentration schwerbelasteter NS-Führungskräfte in den Spitzen des Bonner Staates, daß im Dezember 1966 mit Kiesinger ein Mann die Geschäfte des Bundeskanzlers übernahm, der zu den Schlüsselfiguren der nazistischen Auslandspropaganda gehörte.

Kiesinger, der noch vor Ablegung der großen juristischen Staatsprüfung, am 1. März 1933, Mitglied der Nazi-Partei wurde (Mitglieds-Nr. 2633930), praktizierte in den ersten Jahren der Hitlerdiktatur als Rechtsanwalt am Kammergericht Berlin.

Nach Ausbruch des zweiten Weltkrieges wurde er, obwohl im wehrdienstfähigen Alter, nicht einberufen, sondern in eine Tätigkeit der Rundfunkabteilung des Ribbentrop-Ministeriums berufen. Diese Rundfunkpolitische Abteilung wurde in engster Zusammenarbeit mit dem Propaganda-Ministerium zur entscheidenden Zentrale für die Lenkung und Steuerung des faschistischen Ätherkrieges gegen die Antihitlerkoalition und zur Unterjochung der Völker Europas, zur Verherrlichung der faschistischen Eroberungspolitik.

Kiesinger erwarb sich sehr schnell das uneingeschränkte Vertrauen der Nazi-Führung und durchlief im Ribbentrop-Ministerium eine steile Karriere. Er wurde zunächst als Mitarbeiter der Verbindungsstelle des Auswärtigen Amtes im Funkhaus eingesetzt, avancierte bereits nach wenigen Monaten zum Leiter dieser Verbindungsstelle, übernahm die Leitung der beiden wichtigsten Referate in der Rundfunkpolitischen Abteilung - Referat A, Rundfunkeinsatz, und B, Allgemeine Propaganda, Koordinierung, Verbindung, und wurde 1942 zum stellvertretenden Leiter dieser Abteilung und Hauptverbindungsmann für die Auslands-Rundfunkpropaganda zum Goebbels-Ministerium ernannt. (Siehe Tafel 38)

In dieser Eigenschaft hatte er in erster Linie, wie es in den vorliegenden Dokumenten heißt, die „außenpolitischen Richtlinien des Reichsaußenministers“ durchzusetzen und die „außenpolitischen Propagandarichtlinien“ zu vermitteln.

Darüber hinaus wirkte er maßgeblich am Aufbau und an der Lenkung der „Interradio-AG“, einer Zentrale zur Nutzung ausländischer Sendestationen für die Zwecke der verbrecherischen Nazi-Propaganda und der ideologischen Diversion, mit.

Kiesinger organisierte die faschistische und antisemitische Rundfunkhetze zur Unterdrückung des antifaschistischen Widerstandskampfes anderer Völker Europas, insbesondere der Völker Ost- und Südosteuropas, sowie die Propaganda nach dem Nahen und Fernen Osten, nach Süd- und Nordamerika. Nachgewiesenermaßen leistete er der Gestapo Zutreiberdienste.

Auf einer Pressekonferenz des Nationalrates der Nationalen Front mit Prof. Albert Norden am 22. November 1966 in Berlin wurde vor der Weltöffentlichkeit anhand von Tatsachen und Dokumenten nachgewiesen:

Altnazi Kiesinger war einer der entscheidenden Organisatoren der verbrecherischen nazistischen Auslands-Rundfunkpropaganda, ein Vertrauensmann von Ribbentrop und Goebbels.

Er setzt als Kanzler der „Großen Koalition“ die alte expansionistische und revanchistische Politik des Monopolkapitals in Westdeutschland fort. Er stützt sich dabei auf eine große Zahl seiner früheren Mitarbeiter, gleich ihm schwerbelastete Nazi-Propagandisten oder Ribbentrop-Diplomaten, die heute im Bonner Staatsapparat Schlüsselfunktionen einnehmen. Sie gehören zur unheilvollen Kameraderie alter Nazi-Aktivisten und Hitlerexperten, durch die das heutige Bonner Etablissement mehr denn je gekennzeichnet ist.


Zurück zum Inhaltsverzeichnis